
Performatives Rauchen ist gerade das Uncoolste überhaupt Rauch ruhig. Hauptsache, jemand fotografiert dich. Schade, dass Coolness so nicht funktioniert.
Ende der 90er Jahre. Gymnasium. Pause. Feuerleiter. Dort versammelten sich die wirklich Coolen. Zigaretten wurden angezündet, Feuerzeuge reichten von Hand zu Hand, Packungen Diana Blu tauchten aus den Taschen auf, endlose Diskussionen. Ich beobachtete das Ganze aus sicherer Entfernung. Was den Rauch angeht, habe ich eigentlich immer alles gemocht, was nichts mit dem Rauchen zu tun hat. Nicht den Geruch. Nicht den Geschmack. Sondern die Sprache. Die Zigarette zwischen den Fingern, die nonchalant abgeschüttelte Asche. Von James Dean bis Kate Moss, über Kurt Cobain und Nick Cave – war ich überzeugt, dass die interessantesten Menschen der Welt immer eine Zigarette in der Hand hielten. Ich hingegen sagte immer Nein. Kein Alkohol, keine Zigaretten, kein Fleisch. Ich habe ein paar Mal versucht zu rauchen, eher aus Neugier als aus Überzeugung. Aber eine Packung Marlboro beinhaltet kein Charisma im Preis. Diese Illusion ist jedoch nie verschwunden. Die Vorstellung, dass es ausreicht, eine Zigarette anzuzünden, um automatisch faszinierender zu wirken, hat sich sehr gut gehalten. Nur dass sie heute nicht mehr hinter der Schule lebt. Sie lebt auf Instagram und TikTok. Das Rauchen hat sich von einem Laster zu einer Ästhetik gewandelt. Blitz, Glas in der Hand, Blick ins Leere, Zigarette gut sichtbar. Es spielt nicht einmal eine Rolle, ob sie wirklich geraucht wird. Hauptsache, sie kommt aufs Foto. Willkommen im Zeitalter des performativen Rauchens, der Zigarette, die zum Styling-Accessoire, zum Requisit und zur Erweiterung des Feeds geworden ist.
Die Rückkehr der Zigarette (und der Cigfluencer)
Die Zigaretten sind überall wieder da. In Modekampagnen, in Musikvideos, auf Magazin-Titelseiten und in den Reels auf Instagram. Charli XCX hat sie zu einem festen Bestandteil des Brat-Universums gemacht („eine Zigarettenschachtel, ein Bic-Feuerzeug und ein weißes Top mit schmalen Trägern ohne BH“). Bei der Hochzeit servierte sie Vogue Essence Bleue Slims auf Silbertabletts, zum Geburtstag erhielt sie einen Strauß Zigaretten und in der ersten Reihe bei Saint Laurent teilte sie eine Djarum Black mit Nelkenaroma mit Madonna. Dann gibt es noch Hailey Bieber auf dem Cover von Interview, Addison Rae, die im Video zu „Aquamarine“ zwei Zigaretten gleichzeitig raucht, Kylie Jenner, Rosalía, Dua Lipa, Jeremy Allen White, Odessa A’zion, Paul Mescal. Die Liste ist lang. Aber vom Comeback des Rauchens zu sprechen, ist fast irreführend. Vor allem sein Image ist zurückgekehrt. Die Zigarette fungiert heute wie eine Mini-Kelly, ein Paar Miu Miu oder ein nach einer Party verschmierter Lippenstift. Sie steht nicht für eine Gewohnheit. Sie steht für eine Figur. Das unberechenbare Mädchen. Der verfluchte Musiker. Die Mode-Insiderin, die von Espresso, schlaflosen Nächten und schlechten Entscheidungen lebt. Und vielleicht ist genau das der springende Punkt. In einer Zeit der 10-Schritte-Hautpflege, Elektrolytwasser, Smartwatches, die den Schlaf überwachen, und der Besessenheit vom Clean-Girl-Ästhetik wird die Zigarette zum perfekten Accessoire, um nur eines zu vermitteln: „Regeln sind mir egal“. Oder zumindest möchte sie das glauben machen.
Wenn die Zigarette ein Inhalt ist, ist die Coolness bereits aus dem Raum verschwunden
Beim performativen Rauchen geht es nicht so sehr um denjenigen, der raucht. Es geht um denjenigen, der das Bedürfnis verspürt, jede Zigarette in einen Inhalt zu verwandeln. Die Szene ist mittlerweile unverkennbar: ein unscharfes Foto mit Blitz, eine brennende Zigarette vor dem Lokal, eine Bildunterschrift aus nur einem Wort („Mood“, natürlich) und die Gewissheit, dass dieser Moment online landen wird, noch bevor der Zigarettenstummel den Aschenbecher berührt. Es spielt keine Rolle, ob man sich vergiftet. Wichtig ist nur, dass jemand einen sieht. Die Zigarette wird zum analogen Filter. Ein narratives Accessoire. Eine Abkürzung, um das Bild des emotional unerreichbaren Jungen oder des Fashion-Girls zu konstruieren, das aussieht, als käme es gerade aus einem Independent-Film, der in drei Programmkinos läuft. Aber die Coolness hatte schon immer eine ganz einfache Regel: In dem Moment, in dem du alles tust, um cool zu wirken, bist du es bereits nicht mehr. Und genau hier gerät das performative Rauchen ins Stocken. Es ist keine Pause. Es ist kein Laster. Es ist nicht einmal Rebellion. Es ist persönliches Branding mit einer Zigarette in der Hand. Und ironischerweise ist es vielleicht das Unrock’n’rolligste, was man tun kann.

















































