
Italien entdeckt Intimität hinter Gittern In italienischen Gefängnissen werden die ersten „Intimitätsräume“ eröffnet, in denen Insassen ihre Partner ohne Aufsicht treffen können
In den letzten Monaten haben einige italienische Gefängnisse damit begonnen, ihre ersten Intimräume zu eröffnen. Dabei handelt es sich um kleine Räume, die mit einem Bett und einem Badezimmer ausgestattet sind und so konzipiert sind, dass die Insassen ihre Partner ohne ständige Überwachung treffen können. Es ist eine große Veränderung, nicht nur logistisch, sondern auch kulturell, in einem Gefängnissystem, das jahrzehntelang emotionale und sexuelle Ausdrucksformen als Teil des menschlichen Lebens ausgeschlossen hat. Nach Angaben des Justizministeriums haben 32 von 189 Strafanstalten erklärt, dass sie über geeignete Einrichtungen verfügen, die übrigen 157 nicht. Daten des Vereins Antigone deuten jedoch auf etwas anderes hin: Derzeit gibt es nur fünf oder sechs Operationssäle: in Terni, Parma, Padua, Trani und seit dem 1. November auch im Gefängnis Lorusso e Cutugno in Turin.
Der Wendepunkt: Urteil des Verfassungsgerichts
Die Möglichkeit, Räume für emotionalen und sexuellen Ausdruck in Gefängnissen zu schaffen, geht auf ein Urteil des Verfassungsgerichts von 2024 zurück, das das absolute Verbot sexueller und emotionaler Beziehungen in Gefängnissen für verfassungswidrig erklärte. Der Gerichtshof erkannte an, dass „das Affektiv- und Sexualleben zu den unveräußerlichen Rechten der Person gehören“ und dass die Bestrafung, wie in der italienischen Verfassung festgelegt, auf Rehabilitation abzielen muss und nicht strafend oder erniedrigend sein darf. Nach der Entscheidung erließ das Department of Penitentiary Administration (DAP) Richtlinien zur Regelung dieser Treffen: einmal im Monat, in privaten Räumen unter externer Aufsicht. Die Räume können nicht von innen verschlossen werden und müssen vor und nach dem Gebrauch von einem Gefängnisbeamten inspiziert werden. Ausgenommen sind Insassen unter den Regimen 41-bis und 14-bis, Personen, die sich in medizinischer Isolation befinden oder Personen, die in den letzten sechs Monaten Disziplinarverstöße begangen haben.
Erste Erfahrungen und Widerstände
Der erste derartige Raum wurde im Gefängnis von Terni eingeweiht, nachdem zwei Insassen die Genehmigung des Überwachungsgerichts erhalten hatten. Von dort aus breitete sich die Initiative allmählich auf Parma, Padua und Trani aus und erreichte Turin, wo der neue Raum im „Regenbogenpavillon“ eingerichtet wurde, der halbfreien Häftlingen oder Personen mit Arbeitserlaubnis außerhalb der Einrichtung gewidmet war. Verbände, die sich seit langem für die Rechte der Gefangenen einsetzen, bezeichnen dies als „einen Schritt in Richtung Zivilisation“. Dennoch bestehen weiterhin Bedenken. Die Gewerkschaft der Gefängnispolizei Osapp kritisierte die Entscheidung, die Verwaltung dieser Räume dem Gefängnispersonal anzuvertrauen, und forderte stattdessen die Einführung spezifischer Genehmigungen für intime Besuche. Sogar Monica Formaiano, die Ombudsperson der Häftlinge für das Piemont, erkannte zwar die Bedeutung der Maßnahme an, warnte jedoch davor, dass sie die Arbeitsbelastung der Beamten erhöhen könnte.
Zuneigung als Fürsorge
Für diejenigen, die hinter Gefängnismauern leben und arbeiten, ist diese Veränderung vor allem symbolisch. Es wird nicht als eine Frage des Geschlechts angesehen, sondern als eine Frage der Menschenwürde, ein Recht, das niemals zu einem Privileg werden sollte. Zahlreiche Studien bestätigen, dass Insassen, die während der Haft emotionale Beziehungen pflegen, weniger gewalttätiges Verhalten zeigen, weniger isoliert sind und die Wahrscheinlichkeit, dass sie nach der Entlassung erneut straffällig werden, geringer ist. In diesem Sinne ist die Gelegenheit, im Gefängnis Intimität zu erleben, kein „emotionaler Bonus“, sondern Teil des Prozesses der Rehabilitation und sozialen Wiedereingliederung.
Ein Italien mit zwei Geschwindigkeiten
Trotz des Vorstoßes des Verfassungsgerichts und der Unterstützung von Menschenrechtsorganisationen kommt die Verbreitung von Intimitätsräumen in italienischen Gefängnissen nur langsam voran. Vielen Institutionen fehlt es an geeigneten Räumen oder sie ziehen es vor, einen formellen Gerichtsbeschluss abzuwarten, bevor sie dem nachkommen. Das Ergebnis ist ein Flickenteppich in Italien, in dem das Recht auf Intimität nicht vom Gesetz, sondern von der Postleitzahl abhängt. In Frankreich, Deutschland und den Niederlanden sind private Besuche eine etablierte Praxis, die als Teil des Rehabilitationspfads betrachtet wird. Italien kommt, wie so oft, zu spät.
Ein fragiles, aber notwendiges Recht
Die sogenannten „Love Rooms“ sind nicht nur ein Symbol, sondern ein Testfeld, um zu messen, wie bereit das Land ist, die Komplexität der menschlichen Natur auch hinter Gittern anzuerkennen. Denn das Recht auf Zuneigung anzuerkennen bedeutet nicht Nachsicht, sondern bedeutet, der Bestrafung ihren Sinn zurückzugeben. Das Verfassungsgericht erinnerte uns daran, dass „die Würde nicht durch eine Freiheitsstrafe außer Kraft gesetzt wird“. Und vielleicht strömt aus diesen kleinen Räumen, die von außen verschlossen, aber endlich für das Leben geöffnet sind, etwas frische Luft in die italienischen Gefängnisse.














































